27.02.2017

Interview mit dem neuen stellvertretenden Vorsitzenden des VDEK - unserem Kollegen Thomas Auerbach

Herr Auerbach, im Februar wurden Sie zum stellvertretenden vdek-Verbandsvorsitzenden gewählt. Welche Aufgaben bringt dieses Amt mit sich?

Da gibt es operative und strategische Aufgaben. Der Verband ist, wie seine Mitgliedskassen auch, selbstverwaltet. Diese Selbstverwaltung, bei der Versicherten- und Arbeitgebervertreter alle Entscheidungen von grundsätzlicher Bedeutung treffen, gilt es zu organisieren. Bei rund 28 Millionen Versicherten und sechs durchaus unterschiedlichen Kassen keine leichte, aber dafür umso reizvollere Aufgabe. Im Gesamtvorstand und in der Mitgliederversammlung des Verbandes erarbeiten wir uns gemeinsam strategische Positionen um die Interessen unserer Versicherten im Spitzenverband und insbesondere gegenüber der Politik wirksam zu vertreten.

 

Was können und was wollen Sie in dieser Position bewirken?

Nach innen möchte ich noch stärker nach Gemeinsamkeiten suchen. Nach außen möchte ich meinen Beitrag leisten, unseren Positionen im Sinne der Versicherten mehr Gehör zu verleihen. Denn ich habe leider oft das Gefühl, dass Gesetze zwar oft zu Lasten der Beiträge aber nicht immer auch zum Nutzen der Versicherten gemacht werden.

 

Haben Sie ein dafür ein konkretes Beispiel?

Durch die Reformgesetze der Bundesregierung muss die Gesetzliche Krankenversicherung in den nächsten Jahren jährlich rund 4,6 Milliarden Euro Mehrausgaben schultern. Da wundert es mich, dass angesichts solcher Beträge auch noch Sparmöglichkeiten verhindert werden, zum Beispiel durch das geplante Verbot von Ausschreibungsverträgen für individuell hergestellten Zytostatika-Lösungen in der Krebstherapie. Zahlreiche Krankenkassen haben hier sehr gute Erfahrungen. Mit dem Verbot wird eine große Chance vertan, eine qualitativ bessere Versorgung zu erreichen und gleichzeitig Einsparpotentiale von 600 bis 700 Millionen Euro jährlich zu heben.

Auch die Überlegungen von Bundesminister Gröhe zum Versandhandel gehen an der Versorgungsrealität vorbei. Zwar ist das Volumen des Versandhandels noch gering, aber für die Versicherten ist die Online-Apotheke eine gute Versorgungsalternative. Der vdek schlägt deshalb ein Modell vor, das mit dem Europarecht vereinbar ist und wirtschaftliche Anreize enthält. So könnten die Krankenkassen in Verträgen mit den Versandapotheken Verträge über Preisnachlässe vereinbaren. Die Einsparungen durch Boni oder Rabatte würden dann den zugutekommen.

 

Sie sind seit 2009 Mitglied des BARMER Verwaltungsrates. Woher kommt ihr Interesse für Gesundheitspolitik und Selbstverwaltung?

Ehrenamt und Politik spielen seit meiner Jugend eine große Rolle. Dass ich letztendlich in der Gesundheitspolitik gelandet bin, war Zufall. Begeistert hat mich dort die Möglichkeit, als Versicherter unsere Versorgung mitzubestimmen und einen Beitrag zur Gestaltung unseres international herausragenden Gesundheitssystems zu leisten. In der Selbstverwaltung ist schon lange selbstverständlich, was politisch erst in den letzten Jahren populär wurde, nämlich Bürgerbeteiligung pur.

 

Bundesgesundheitsminister Gröhe will eine strengere Kontrolle der Selbstverwaltung. Wie stehen Sie dazu?

Wir haben ein Gesundheitssystem, um das uns viele beneiden. Die Selbstverwaltung in der Krankenversicherung funktioniert seit Jahrzehnten hervorragend, das werden auch die stärksten Kritiker einräumen. Ich sehe keine Anzeichen, dass sich daran etwas Grundlegendes geändert haben sollte. Fehlverhalten Einzelner durch Bestrafung Aller zu sanktionieren ist der falsche Weg. Selbstverwaltung kann nur dann positive Wirkung entfalten, wenn man ihr vertraut und auch den dazu notwendigen Spielraum lässt. Mehr politische Kontrolle würde am Ende ein bewährtes System ersticken.

 

In diesem Jahr steht die Sozialwahl an. Die Wahlbeteiligung hält sich erfahrungsgemäß in Grenzen. Worauf führen Sie die geringe Wahlbeteiligung zurück?

Leider verzeichnen wir bei allen Wahlen immer niedrigere Wahlbeteiligungen. Auf der anderen Seite wird der Wunsch nach mehr Beteiligung in Teilen der Bevölkerung immer größer. Auf den ersten Blick ist das ein Widerspruch. Offenbar gibt es eine zunehmend größere Gruppe in der Bevölkerung, die nicht mehr daran glaubt, mit ihrer Stimme bei Wahlen etwas bewirken zu können. Hinzu kommt, dass das Thema Sozialwahl in der schulischen Bildung offenbar nicht oder nicht ausreichend behandelt wird.

 

Wie überzeugen Sie einen Passanten auf der Straße in einem Satz davon, zur Sozialwahl zu gehen?

Lieber jetzt erfolgreich mitwirken als später erfolglos meckern.

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